Der Tod als Steuermann

Tobias Weiss
Der Tod als Steuermann, 1895
Aus: Ein moderner Todtentanz. Zwanzig Blätter aus dem Bilderbuche des Todes, gezeichnet von Prof. Tobias Weiss. Mit Vorwort und Sprüchlein von P.W. Kreiten S.J. […] Mönchengladbach: B. Kühlen's Kunstverlag, o.J. [1895]
Reproduktion nach Tuschzeichnung
35,8 x 26 cm

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Wird vorgetragen von Kathrin Eschenberg

Das Werk "Der Tod als Steuermann" ist Teil des "Totentanzzyklus" von dem Künstler Prof. Tobias Weiss, den er 1895 in Buchform mit dem Titel "Ein moderner Todtentanz: zwanzig Blätter aus dem Bilderbuche des Todes" in Mönchengladbach veröffentlichte. Eingeleitet durch Worte und Sprüche von P.W. Kreiten, umfasst das Buch zwanzig unterschiedliche Drucke nach Tuschzeichnungen, in denen sich der erbarmungslose Tod willkürlich Menschen in Momenten des modernen Fortschritts aussucht. Er hält die Hand des sterbenden Handwerkers, während Frau und Kinder vergebens um Gnade betteln; den Apothekern macht er ziemlich schnell klar, dass es kein Mittel gegen den Tod gibt und selbst das Geld des Bankherrn bringt ihn nicht davon ab, seiner Pflicht nachzugehen.
Der Druck "Der Tod als Steuermann" ist an Dynamik und Dramatik kaum zu überbieten. Sofort fallen die panischen Blicke der mit den starken Wellen kämpfenden Menschen ins Auge. Ihre weit aufgerissenen Augen und Münder verdeutlichen die ausweglose Lage, in der sie sich befinden, und beim Blick in die leidvollen Gesichter hört man förmlich die vielen Hilfeschreie der Leute, unter denen Männer, Frauen und vor allem Kinder mit ganzer Kraft um ihr Überleben kämpfen. Den Menschen beim Ertrinken zuzuschauen scheint nur schwer ertragbar. Nur wenige Schiffbrüchige finden Halt an umhertreibenden Teilen des Schiffs, das von den hohen Wellen zerschlagen wurde. Sie alle waren Insassen der Victoria, das Schiff, das nun einzig und allein von dem personifizierten Tod geführt wird. Schälmisch lächelnd schaut er den Menschen bei ihrem Untergang zu, denn er war es, der das Schiff gegen eine Felswand steuerte, um die Insassen, die noch eine lange Reise vor sich hatten, nun schneller an ihr Ziel zu bringen. Die vier Verse unter dem Bild spielen nochmals auf die schnelle Heimkehr der Passagiere durch den Tod an:
„Der Dampfer stolz durch Sturm und Flut
zum Hafen strebte mit Mann und Gut –
Ein Krach – der Tod am Steuer lacht, / Er hat sie noch rascher heimgebracht.“
Konterkarierend steht hier der Name des Schiffs ‚Victoria‘, das nun leider nicht als die Siegreiche in den sicheren Hafen einläuft. Ob Weiss hier einen Bezug zu dem sich 1893 ereigneten Schiffsunglück des britischen Panzerschiffs Victoria vor der libanesischen Küste erstellen wollte, ist unklar.

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