Seemann

Zu den Hauptwerken des Berliner Grafikers und Mitglieds der königlichen Akademie der Künste Hans Meyer (1846–1919) zählt sein aus 18 Blättern bestehender Zyklus "Ein Totentanz", der 1890 erstmals als Bleistiftzeichnungen ausgestellt und 1911 – um 12 zusätzliche Darstellungen erweitert – als Lichtdruck in Buchform publiziert wurde. Meyers Totentanz ist keiner in mittelalterlicher Tradition. Meyer führt Personen der Zeit vor, die der Tod plötzlich mitten im Leben heimsucht. Einer Zirkusreiterin hält der als Clown verkleidete Tod den Reif hin, Touristen führt er in die Irre, den Bahnwärter lässt er die Weichen falsch stellen. Deutlich sind Anlehnungen an Alfred Rethel und Max Klinger zu erkennen. Jeder Darstellung sind kurze Verse beigefügt, in denen zumeist der Tod sein Wort an die weiteren Protagonisten im Bild richtet. Unter der hier dargestellten Seenotszene heißt es:
„Wie Sie rufen und jammern und wehen und winken!
Und es gilt doch nur einzig das kleine Stück Leben.
Sie sollen gemächlich hinüber sich trinken
In das andere Reich, das Mir untergeben.
Hört auf doch zu Steuern, zu rudern, zu ringen,
Ich bin der Lotse geübt und erfahren,
Ich will in den sicheren Hafen Euch bringen.
Ich kenne den Kurs schon seit Tausend von Jahren.“
Die Dramatik der Darstellung fesselt den Betrachter. Nur schwer kann man sich dem Blick des Seemanns entziehen, der sich rechts im Bild über die Schiffskante hinauslehnt und mit weitaufgerissenem Mund und einer selbst verknoteten weißen Flagge in der Hand eindringlich um Hilfe ruft. Während der eine Seemann noch verzweifelt versucht das Segel vom Mast zu lösen, hält der Tod es weiter in den Wind. Der ganzen Komposition liegt ein fließendes Oval zu Grunde, das den Tod – nahezu in der Bildmitte – umkreist. Rechts unten schlagen die Wellen am Boot empor, der Bug hebt sich, so dass wir in das Innere des Schiffs blicken können. Von dem rufenden Seemann mit der Friedensfahne aus wird unser Blick über den unter der Flagge sitzenden Schiffer weiter nach links hoch zu dem sich an den Mast Klammernden geleitet. Hier fließt die Bewegung in das wehende Segel, das den Körper des Tods umspannt. Die brausenden Wellen links im Bild nehmen diese Bewegung auf und rahmen das Schiffsheck. Einzig der Steuermann links versucht diesen Strudel zu durchbrechen und lehnt sich mit vollen Gewicht nach hinten in das Boot. Sein Blick schon starr, ist er doch immer noch im Stande das Ruder zu halten und dieser Naturgewalt mit ganzer Kraft ein Gegengewicht zu bieten.

Seemann